Müllfischen unterm Zuckerhut

Rio de Janeiro (Foto: rbrands/flickr)

Fischer in Rio ziehen tonnenweise Abfall an Land

Zwanzig Jahre lang hat Gabriel vom Fischen gelebt. Jetzt aber ist er ohne Netz und Angel in der Bucht von Rio des Janeiro unterwegs, seine Beute kann er mit bloßen Händen fassen: tonnenweise Müll.
"Beim Fischen haben wir von Mal zu Mal mehr Abfall in unseren Netzen an Land gezogen, und manchmal verfing er sich im Propeller unserer Boote und ruinierte sie", erzählt der Fischer. Deshalb engagiert er sich zusammen mit hunderten Kollegen im Projekt "Saubere Bucht". Es ist eine Initiative des Fischereiverbandes von Rio, die die Arbeitsbedingungen der rund 20.000 Fischer der Region verbessern soll.

"Vor zehn Jahren konnte man noch von der Fischerei leben. Heute nicht mehr", sagt der 54-jährige Edmo. Ein großer Teil der Abwässer der Zehn-Millionen-Einwohner-Stadt fließt ungeklärt ins Meer. Und kaum ein Einwohner denkt sich etwas dabei, seinen Müll in den Flüssen zu entsorgen, die ihn wenig später ins Meer spülen. Tonnen von Plastik und Papier gelangen so in die Bucht, auch Fernseher, Autoreifen, Kühlschränke und sogar Autos landen im Wasser. Unzählige Fische ersticken an den Plastikabfällen, viele sterben an Vergiftung und einige Arten sind bereits völlig aus der stinkenden Bucht verschwunden.

Das Projekt "Saubere Bucht", finanziert vom staatlichen Ölkonzern Petrobras, soll die Bevölkerung für die katastrophale Verschmutzung der Bucht sensibilisieren. Erst einmal müssten "die am stärksten betroffenen Zonen erfasst und die Art des Mülls untersucht werden", sagt die am Projekt beteiligte Geografin Jamylle Ferreira.

Drei Mal pro Woche laufen etwa 140 Boote aus, um Müll zu sammeln, der wiederverwertet werden kann. Im Schnitt kommen sie jedes Mal mit 15 Tonnen Abfällen zurück. Die Fischer beteiligen sich abwechselnd für einen Zeitraum von jeweils drei Monaten an dem Projekt, in dem ihnen eine Aufwandsentschädigung für ihre Arbeit bezahlt wird. Bis Ende des Jahres sollen insgesamt 1200 Fischer zu Müllsammlern werden.

Doch auch ihnen wird es nicht gelingen, die Bucht in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. "Wir wissen, dass wir die Bucht nicht säubern können, aber das ist auch nicht unsere Absicht", sagt Ferreira. "Wir wollen vor allem die Erfahrung der Fischer nutzen. Sie kennen die kritischen Orte, die oft an den Flussmündungen liegen." Einige Gemeinden würden das Projekt boykottieren, beklagt die Geografin. "Wenn die Fischer die Tüten mit dem Müll an Land bringen, entsorgen ihn manche Rathäuser nicht einmal." Ein Teil der Abfälle landet in einer Müllverwertungsanlage an der Küste, einem Pilotprojekt der Privatwirtschaft. Was nicht recycelt werden kann, wird zur Energiegewinnung verbrannt.

Noch ist unklar, was die Müllfischerei tatsächlich bewirken kann. Ein anderes Projekt in der malerischen Bucht von Guanabara, das seit 1995 mehr als eine Milliarde Dollar (717 Millionen) verschlang, blieb bisher ohne sichtbaren Erfolg. Nutzt die Stadt unterm Zuckerhut das Meer weiter als Müllkippe, könnte die Bucht, so prognostizieren Studien, in 200 Jahren völlig verschwunden sein.
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