07.11.2008 | 15:04

Endlich in Frieden ruhen

In einem Kiefernwald auf der nordpolnischen Halbinsel Hel hat ein Bagger vorsichtig die oberste Schicht weissen Sandes beiseite geschoben. In rund 70 Zentimetern Tiefe tauchen braune Menschenschädel und Knochen auf. Sie stammen von deutschen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein junger Mann gräbt die Gebeine mit der Hand aus und ordnet sie sorgfältig auf kleinen grauen Tragbahren. Dann packt er sie in blaue Plastiksäcke. "Das Wesentliche ist, die Erkennungsmarken mit der Nummer des Soldaten zu finden", sagt der Geschichtsstudent Tomasz Loz aus dem nordpolnischen Gdynia (Gdingen). Er hilft freiwillig bei der Exhumierung deutscher Soldaten an der Spitze der Landzunge, die von der polnischen Stiftung Pamiec (Gedenken) geleitet wird.

Tomasz Metalldetektor klingelt. "Da ist die Erkennungsmarke des Soldaten. Nummer 2000 - eine ganz runde Zahl", wundert sich der Student. "Der Soldat hat in der 34. Infanteriekompanie gedient. Blutgruppe A." In einigen Monaten wird der Tote in Glinna bei Stettin beigesetzt werden, auf einem der 13 deutschen Militärfriedhöfe, die die Stiftung Pamiec in Polen betreut.

Die Erkennungsmarke wird zusammen mit anderen persönlichen Gegenständen wie Ehering oder Armbanduhr zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) nach Kassel geschickt. Dort wird dann versucht, den Toten zu identifizieren und seine Familie zu benachrichtigen. Das dauert mindestens ein halbes Jahr.

Bis heute ist das Schicksal von 1,2 Millionen deutschen Zivilisten und Soldaten aus dem Zweiten Weltkriegs unbekannt. Erst nach dem Fall des Kommunismus konnte im ehemaligen Ostblock mit der Suche begonnen werden. Dort starben drei Millionen deutsche Soldaten, fast eine halbe Million davon in Polen. "Wir dachten, wir würden hier in Hel 270 Soldaten exhumieren", sagt Maciej Milak, der die Exhumierung leitet. "Es werden fast tausend sein." Viele Soldaten hätten gebrochene Beine und sogar Amputationen. "Die Körper müssen von Granaten der sowjetischen Artillerie verstümmelt worden sein", sagt Milak. "Wir vermuten, dass es noch ein zweites Leichenfeld in Hel gibt, irgendwo in den Dünen."

Seit 1990 hat die Stiftung Pamiec nach eigenen Angaben die Gebeine von mehr als 160.000 deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs umgebettet. In Hel ist die Suche schwierig. Hobby-Archäologen und Einheimische haben hier schon früher nach möglicherweise wertvollen Gegenständen gesucht. Viele Erkennungsmarken sind verschwunden. "Wenn wir zum Pilzesammeln in den Wald gingen, mussten wir aufpassen, nicht auf Knochen oder Militärstiefel zu treten", erinnert sich ein Passant.

"Wir wissen, dass die Soldaten zwischen März und Mai 1945 gestorben sind, der letzte am 9. Mai", sagt Milak. "Sie müssen sehr eilig begraben worden sein, denn die Gräber sind nicht tief." Erst am 9. Mai, einen Tag nach der Kapitulation Deutschlands, nahm die Rote Armee Hel ein. "Es ist Zeit, dass auch diese Soldaten würdig und in Frieden ruhen", sagt Jerzy Romel, ein Teilnehmer der Grabungen. "Dass ihre Angehörigen einen Ort des Gedenkens haben und dass die Kinder im Wald spazieren gehen können ohne die Angst, auf Knochen zu treten." (AFP/red.)

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